Friday, August 19, 2011

Erfahrungsbericht über meine Stipendienzeit


Von September 2010 bis August 2011 habe ich am Young Scientist Exchange Program (YSEP) am Tokyo Institute of Technology (Titech) teilgenommen. Das YSEP ist ein einjähriges Studienprogramm für Studenten aus verschiedensten Ländern in höheren Semestern in einem technischen oder naturwissenschaftlichen Studiengang. Der Schwerpunkt liegt in einem Forschungsprojekt, welches man selbstständig in einer Arbeitsgruppe des Instituts durchführt. Daneben werden verschiedene fachspezifische und fächerübergreifende Kurse auf Englisch (und natürlich auf Japanisch) angeboten. Seit 2009/2010 gibt es auch ein halbjähriges Programm, das sich in den Anforderungen geringfügig unterscheidet.

Informationen und Bewerbung

Den Entschluss ein Auslandsstudium zu machen habe ich während meines Grundstudiums gefasst. Bei meinen Recherchen bin ich dann auf die Kooperation der Universität Mainz mit dem Tokyo Institute of Technology im YSEP gestoßen. Die Idee einen einjährigen Forschungsaufenthalt in einem so spannenden und fortschrittlichen Land wie Japan durchzuführen hatte mich schnell begeistert und stach alle anderen in Frage kommenden Programme aus, da diese sich meist auf Vorlesungen und Übungen beschränkten.
Genauere Informationen sowie die Bewerbungsunterlagen habe ich dann bei der Abteilung Internationales bei Frau Werner erhalten, der ich an dieser Stelle nochmals für ihre freundliche und äußerst hilfreiche Unterstützung in allen Belangen danken möchte.
Die Bewerbung an sich war relativ unkompliziert. Hauptsächlich handelte es sich um einen Bewerbungsbogen mit Angaben zu den bisherigen Studienleistungen und den Gründen warum man sich für dieses Programm bewirbt. Dazu gehörte auch eine Arbeitsgruppe auszuwählen und eine ungefähre Vorstellung von der Art von Forschung zu geben, die man am Titech durchführen möchte. Englischsprachige Informationen zu den jeweiligen Arbeitsgruppen waren nicht so einfach zu finden, aber auf der englischen Website des Titech kommt man unter dem Register "Schools and Graduate Schools" bei "Graduate Schools" zu einer Linkliste aller "Departments". Auf der Homepage der "Departments" sind dann oft die jeweiligen Arbeitsgruppen irgendwo beschrieben.  Für Bio-Studiengänge gibt es eine recht ausführliche Darstellung hier: http://www.bio.titech.ac.jp/english/information/en_chart.html
Neben dem Bewerbungsbogen waren verschiedene Unterlagen einzureichen, unter anderem ein Englisch-Zertifikat. Eigentlich wird ein TOEFL gefordert, aber ein internes Zertifikat der Universität hatte bei mir ausgereicht. Des Weiteren brauchte ich ein Empfehlungsschreiben eines Professors des Fachbereichs sowie eine beglaubigte Kopie meines Reisepasses. Wir mussten außerdem einen japanischen Visumantrag ("Application for Certificate of Eligibility") ausfüllen. Dieser ist zwar zweisprachig, aber alles andere als selbst erklärend und teilweise ziemlich kompliziert auszufüllen. Bei Fragen habe ich mich an Frau Werner wenden können, die dann notfalls in Japan nachfragt hat. Man sollte sich nicht persönlich mit dem Titech in Verbindung setzen, dies stand auch auf dem Antragsformular. Weiterhin bestand die Möglichkeit ein japanisches Stipendium (JASSO) zu beantragen, relativ unkompliziert direkt auf dem Antragsformular.
Die Bewerbungsfrist endete im Februar vor dem Aufenthalt, also in meinem Fall Februar 2010. Meine Zusage erhielt ich im Mai, die Unterlagen im Juni. Darunter befand sich das "Certificate of Eligibility", mit dem man sein Japan-Visum im nächsten japanischen Konsulat beantragen und innerhalb von 10 Tagen abholen kann. Außerdem schickte man uns ziemlich ausführliche Informationen zu Kranken- und sonstigen Versicherungen, Karten von Tokyo und Japan sowie ein Bewerbungsformular für einen Wohnheimsplatz zu.

Wohnen, Leben und Organisatorisches

Den YSEP-Studenten wird ein (nicht nur für japanische Verhältnisse) sehr günstiger Wohnheimsplatz garantiert. Die beiden Wohnheime des Titech für internationale Kurzzeitstudenten heißen "Umegaoka" und "Shofu-Dormitory". Sie liegen leider etwas außerhalb (45 Minuten mit der Bahn zum Haupt-Campus, 30-40 Minuten nach Tokyo), dafür sind sie mit knapp 16.000 Yen wirklich sehr günstig. Doppelappartments (2 Studenten in einem großen Raum mit jeweils abgetrenntem Schlafbereich) sind noch etwas günstiger.
Ich hatte mich für ein Einzelzimmer im "Shofu-Dormitory" beworben und es auch bekommen. Das "Shofu" hat den Vorteil, dass es näher an der nächsten Bahnstation liegt, von der auch ein etwas schnellerer Express-Zug abfährt (Aobadai). Von der nächsten Station des "Umegaoka-Dormitory" kann man diesen Zug nicht nehmen. Außerdem ist das "Shofu" insgesamt wohl etwas moderner. Dafür ist der Aufenthaltsraum hier etwas ungemütlicher, die Wohnheimsverwalterin wohnt direkt am Gebäude und das Wohnheim ist nur für Jungs. Dennoch war die Atmosphäre im Wohnheim sehr gut und in der Küche gab es eigentlich immer jemanden zum Reden und die Möglichkeit mit Leuten von überall auf der Welt ins Gespräch zu kommen.
Obwohl die Wohnheime nicht direkt in Tokyo sondern eher in den Vorstädten liegen, ist die Verkehrsanbindung sehr gut und es gibt viele Supermärkte, ein Einkaufszentrum und kleinere Geschäfte um die Aobadai Station. Zwischen Station und Wohnheim liegen auch mehrere Restaurants und auch ein gutes und nicht zu teures Izakaya (Japanische Bar/Kneipe). Ein kleiner Fluss und Wald sind aber auch zu Fuß in ca. 20 Minuten zu erreichen.
Nach Tokyo-Shibuya fährt man mit dem Express ziemlich genau 30 Minuten, da ist man dann aber auch mitten in der City. Die letzte Bahn fährt leider ziemlich früh, nach halb 1 kommt man nur für viel Geld mit dem Nachtbus (von Shibuya 2000 Yen) oder  dem Taxi zurück.
Die Fahrt zum Hauptcampus dauert etwa 45 Minuten und wir konnten uns einen Pendler-Pass mit Studentenrabatt ausstellen lassen, für vergleichsweise günstige 22.000 Yen für 6 Monate. Generell muss man sagen dass das Leben in Japan und speziell Tokyo etwas teurer als in Deutschland ist, aber das war mir ja vorher bekannt. Dafür ist die Stadt an Ausgehmöglichkeiten und Sightseeing-Spots kaum zu überbieten.
Das Programm an sich ist gut organisiert und die meisten Formalitäten (z.B. Eröffnung eines Bank-Kontos, Anmeldung für die Krankenversicherung) werden in den ersten Tagen nach der Ankunft in der Gruppe erledigt. Außerdem wurde jedem YSEPer ein Tutor zur Seite gestellt. Erste Anlaufstelle für Probleme aller Art war natürlich der Tutor oder das "Student Exchange Office" auf dem Hauptcampus. Mein Tutor half mir auch einen Mobilfunkvertrag abzuschließen, eigentlich die einzige größere Sache die nicht im YSEP organisiert wurde. Man kann dies aber auch allein erledigen; in Shibuya und Roppongi gibt es Filialen wo Englisch gesprochen wird.

Kurse und Studium

Für die Kurswahl bekamen wir noch vor der Ankunft ein Heft zugesandt in dem alle verfügbaren (englischsprachigen) Kurse aufgelistet waren. Eine genauere Beschreibung der Kurse kann man auf der Homepage des Titech finden unter "current students; studying at Titech; Tokyo Tech OCW" (http://www.ocw.titech.ac.jp/index.php?lang=EN). Auch diverse Japanisch-Kurse sind verfügbar. Alles wird aber nochmals nach der Ankunft in einer Einführung erklärt. In der ersten Woche gab es einen Japanisch-Crashkurs. Der Kurs ist gut um die anderen Studenten schon mal kennen zu lernen, viel Japanisch habe ich dabei allerdings nicht mitnehmen können. Dafür war das ganze etwas zu schnell.  Ich habe mich dann für einen zweimal in der Woche stattfindenden Japanisch-Kurs angemeldet. Ich hatte zwar schon vorher einen Japanisch-Kurs an der Uni Mainz belegt und auch bestanden gehabt, habe mich dann aber doch für den Anfänger-Kurs entschieden. Die Entscheidung habe ich nicht bereut, das Tempo des Kurses war ziemlich schnell. Des Weiteren habe ich einige fachspezifische Kurse belegt, die auf Englisch angeboten wurden. Im ersten Halbjahr war die Anzahl an Kursen ziemlich groß, im zweiten Halbjahr gab es allerdings nur wenige Kurse in Englisch. Das Titech ist eine ziemlich internationale Universität und bietet viele Anlaufstellen auch für Studenten die kein Wort Japanisch sprechen und sogar ganze Masterkurse auf Englisch an. Man sollte sich allerdings klar sein, dass Japaner sich etwas schwer mit Englisch tun, selbst Professoren. Das wirkt sich dann leider auch etwas auf den Lerninhalt aus.
Das Programm an sich war allerdings gut organisiert und insbesondere die Möglichkeit ein eigenständiges Forschungsprojekt in einer Arbeitsgruppe durchzuführen war sehr reizvoll für mich. Mein "Lab" war relativ klein und hatte nur japanische Mitglieder und dadurch auch familiär und ich fühlte mich sehr gut aufgehoben. Ich habe einige tolle Exkursionen und Unternehmungen mitgemacht. Offiziell waren festgelegte Arbeitszeiten von 9:30-17:30, wobei die Meisten etwas später kamen und dafür abends länger blieben. An diesen Rhythmus hatte ich mich auch ziemlich schnell angepasst. Von der Forschungsseite her war die Betreuung gut, ich habe alle Unterstützung bekommen wenn ich danach gefragt habe. Allerdings war die Kommunikation auf Englisch nicht immer einfach.

Das Tohoku-Erdbeben vom 11. März 2011

Das Erdbeben am 11. März war ein krasser Einschnitt in meinen Studienalltag den ich nicht unerwähnt lassen kann. Ich war zum Zeitpunkt des Bebens im südlichen Japan und habe es persönlich nicht mitbekommen. Von Freunden und Bekannten habe ich erfahren, dass das Beben in Tokyo doch stark zu spüren war. Erdbeben sind in Japan nichts Ungewöhnliches und ich habe auch einige kleinere erlebt. Laut den Beschreibungen war die Situation nach dem Beben wohl ziemlich routiniert und unaufgeregt. Es gab wohl auch keine größeren Schäden in Tokyo. Allerdings standen die Züge für Stunden still, so dass viele erst spät nachts nach Hause gekommen sind. Es gibt für solche Fälle aber Notunterkünfte auf dem Campus, soweit ich weiß.
Die größte Sorge nach dem Beben war wohl für alle "Internationals" die Reaktorkatastrophe in Fukushima und die austretende Strahlung und viele haben sich entschlossen in ihre Heimatländer zurückzukehren. Als ich im Süden Japans dann von den erhöhten Strahlenwerten in Tokyo erfuhr, habe ich mich ebenfalls entschlossen vorerst nicht mehr dauerhaft in Tokyo zu bleiben und bin nach Deutschland zurück gegangen. Man muss allerdings dazu sagen, dass die Strahlungswerte in Tokyo nicht drastisch waren und auch nach einigen Tagen wieder auf den Normalzustand zurück gegangen sind. Wie einige andere Studenten habe ich mich letztendlich dazu entschieden meinen Studienaufenthalt in Japan zu Ende zu bringen und bin nach Tokyo zurück geflogen. Ich war mir natürlich des Risikos bewusst das wieder radioaktives Material nach Tokyo transportiert werden könnte, allerdings liegt Tokyo mehrere hundert Kilometer von Fukushima entfernt und die Gefahr einer erneuten Wasserstoffexplosion war zum Zeitpunkt meiner Rückkehr deutlich gesunken. Das auswärtige Amt hatte zu diesem Zeitpunkt seine Reisewarnung ebenfalls zurückgezogen. Das Risiko das man bereit war in Kauf zu nehmen musste aber natürlich jeder persönlich definieren. Einige Studenten haben ihren Aufenthalt abgebrochen und viele neue Studenten sind gar nicht erst gekommen. Als ich wieder zurück kam war das Wohnheim zwar nicht ausgestorben, aber doch deutlich leerer geworden.
Das Krisenmanagement des Titech war meiner Meinung nach zufrieden stellend. Es gab eine Menge Informationen über emails und auch einige Hilfestellungen falls man das Land verlassen wollte.

Fazit

Insgesamt war ich mit dem YSEP sehr zufrieden. Ich habe viele neue Eindrücke in meinem Studiengebiet und auch fachübergreifend gewonnen, habe jede Menge neuer Freunde von überall auf der Welt gefunden bin intensiv in eine sehr spannende und andersartige Kultur eingetaucht  und habe eine Menge toller Sachen erlebt und gesehen. Ich kann das YSEP jedem Interessierten empfehlen.

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